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Angst-und Panikhilfe Schweiz

Blog: Nur keine Panik!

Nur keine Panik! Wie oft hört man diesen Satz, ausgesprochen von Menschen, die sich nicht einmal im Ansatz bewusst sind, was sie da gerade gesagt haben. Das hat mich lange Zeit immer wieder erzürnt. Ich fand es ungerecht und war der Überzeugung, dass, wenn man nicht weiss, worüber man spricht, man auch keine Berechtigung hat, solch eine Formulierung zu nutzen. Aber so sind wir Menschen nun mal. Auch ich benutze viele Redewendungen, von denen ich keine Ahnung habe. Aber so ist es im Leben. Und eines Tages lernt man, damit seinen Frieden zu machen. Als Angst- und Panikpatientin mit einer diagnostizierten Agoraphobie mit Panikstörung, was so viel bedeutet wie dass ich Angst vor allem habe, was ausserhalb meiner Kontrolle liegt, kenne ich Angst und Panik aus dem Effeff. Ich habe quasi den tiefschwarzen Gürtel im Angst und Panik Gedankenjudo. Wenn es Kurse dafür gäbe, müsste man wahrscheinlich noch einige Gürtel obenauf packen, weil man durch diese Krankheit Dimensionen kennen lernt, die sich ein gesunder Mensch gar nicht vorstellen kann.

Komm reiss dich zusammen! Wie ich solche und andere beschwichtigende Sätze liebe. Das ist so als ob man sagen würde: „Du hast die Spaghetti verkocht! Komm, wir fangen nochmal von vorne an!“ Aber so einfach ist das nicht. Man sagt ja auch nicht zu einem Menschen im Rollstuhl: „Komm, reiss dich zusammen, steh auf und geh!“ Aber es ist schwierig, ich verstehe das. Wie soll man jemandem, der nicht weiss, was Angst und Panik bedeuten, nur im geringsten Ansatz aufzeigen, was es aus deinem Leben macht. Jeder beschreibt seine Angst anders. Ich habe immer gesagt: „Ich komme nicht mehr in die Hölle, ich bin ja schon hier.“ Und ich glaube, da werden mir sehr viele Betroffene beipflichten. Wir sind schon so viele Male „gestorben“, dass man uns eigentlich als Wiedergänger titulieren müsste. Das Wort „Zombie“ würde ich jetzt ungern in den Mund nehmen, aber ja, doch! Es könnte sogar ein Zombie sein. Denn was ist man am Schluss, wenn man von Angst getrieben durch den Alltag torkelt und sich im Überlebensmodus, getarnt als normaler Mensch mit angeblich normal regulierten Gefühlen, durch das Leben schleppt? Immer darauf bedacht, ja nicht aufzufallen. Wenn man versucht, etwas vor seinen Mitmenschen zu verstecken, von dem man vielleicht selbst nicht mal weiss, dass es eine Krankheit ist. Denn nicht alle wissen, woran sie leiden. Das ist auch mir so ergangen.

Ich war 16 Jahre alt, als mich die erste Panikattacke im Zug nach Aarau ereilte. Ich war überfordert, verstand nicht, was mit mir los war. Ich wusste in diesem Moment nur eines: Ich muss raus aus diesem Zug oder ich ersticke qualvoll. Nach dieser ersten Begegnung mit der Panik nahm das Martyrium seinen Lauf. Die Ängste wurden grösser, suchten sich neue Spielfelder. Als ob es nicht schon genug gewesen wäre, einfach eine einzige Panikattacke zu erleben. Man kann sie nicht einfach abschütteln, als wäre es eine lästige Fliege, die einem um den Kopf schwirrt. Wie schön wäre es, wenn man einfach einmal beherzt zuschlagen könnte und weg wäre die Angst! Leider war 1994 auch nicht jeder Hausarzt so weit über diese Krankheit informiert, dass er gewusst hätte, was eigentlich mit mir los war. „Das geht wieder vorbei. Hier haben Sie eine Packung Beruhigungsmittel. Das wird ihnen helfen.“ Und Tschüss! Zuhause habe ich die Pillenpackung begutachtet und dachte: „Ich kann die nicht schlucken, das geht einfach nicht! Ich darf die Kontrolle nicht verlieren. Was passiert mit mir, in was für einen Zustand komme ich, wenn ich diese Pillen schlucke? Werde ich mich anders fühlen?“ Bilder von psychiatrischen Anstalten à la Hollywood tauchten vor meinem geistigen Auge auf. Ich sah mich bewegungsunfähig auf einem Stuhl ins Leere starren, benommen von Medikamenten. Ich beschloss, die Tabletten nicht einzunehmen. Und weil ich es nicht besser wusste, habe ich meine nächsten zwanzig Lebensjahre Hand in Hand mit Frau Angst und Herrn Panik verbracht.

Das hat natürlich überhaupt nicht funktioniert. Aber irgendwie habe ich es über die Jahre hinweg hinbekommen, einigermassen ein Leben zu führen, das um die Angst und die Panik arrangiert war. So fuhr ich z.B. nur noch mit jenen Wagons, deren Fenster man zur Hälfte öffnen konnte. Heute gibt es solche Wagons nicht einmal mehr. Aber damals gab es sie noch und ich war froh drum. Ich hatte aber auch Angst im Schulzimmer. Kaum dass der Lehrer ins Zimmer spaziert kam und die Türe schloss, schoss der Adrenalinspiegel rasant in die Höhe. „Ich kann jetzt nicht mehr raus. Ich kann ja nicht einfach aufstehen und rausrennen. Ist die Tür jetzt etwa sogar abgesperrt?“ Weitere 45 Minuten, die ich in der Gedankenhölle der Angst verbrachte.

Zwanzig Jahre später war es soweit, dass gar nichts mehr ging. Aufgrund einer Fusion an meinem Arbeitsplatz war ich so überlastet mit Arbeit, dass ich sogar noch Samstag und Sonntag hätte arbeiten können. Dies führte dazu, dass ich so überfordert war, dass wieder sehr starke Symptome auftraten. Dies führte dazu, dass ich am Morgen des 26. September 2013 nicht mehr das Gebäude der Firma betreten konnte. Beim Anblick der Eingangstüre musste ich mir eingestehen, dass ich es nicht mehr durch die Türe hindurch schaffen würde.

Was würde heute wieder auf mich warten am Arbeitsplatz? Der Arbeitsalltag war so unberechenbar geworden. Jeden Tag kamen neue Prozesse hinzu, neue Software, in die man sich einarbeiten musste, dafür jedoch keine Zeit fand. Der Unmut in der Firma war sehr gross. Alle waren unzufrieden und machten ihren Emotionen Luft. Als Mensch, der sich ziemlich schlecht abgrenzen kann, wurde es für mich so problematisch, dass ich nicht mehr wusste, wo meine Emotionen enden und die der anderen beginnen. Wenn man 28 Personen zuarbeitet, wird es schwierig, bei sich selbst zu bleiben. Das weiss ich heute. Und so bin ich im Nachhinein sehr froh, dass es mich dazumal an den Punkt brachte, wo nichts mehr ging. Ich war so gezwungen, mich für eine Therapie anzumelden, kam in die Frühintegration der IV und konnte eine psychiatrische Behandlung in Anspruch nehmen, inklusive Medikamente und Einzelgesprächen.

Die Suche nach einem Psychologen, der zu mir passt, ist allerdings eine Story für sich, die einen eigenen Beitrag wert wäre. Aber ich habe es nach einigen Anläufen geschafft, eine sehr gute Therapeutin zu bekommen. Mit ihrer Hilfe habe ich es geschafft, alles aufzuarbeiten, was ich seit der Jugend mit mir rumtrage. Wir konnten destruktive Muster eruieren und neue Muster erarbeiten. Heute ist die Angst nur noch ein Warnsignal, das mich darauf aufmerksam machen möchte, dass ich wieder einmal im Begriff bin, etwas zu tun, das ich entweder nicht möchte oder das mich überfordert. Ich bin auch heute noch in Behandlung und ich bin sicher, dass ich auch weiterhin psychologische Hilfe in Anspruch nehmen werde. Denn die Angst ist nicht etwas, was man so einfach zur Seite legt, wenn man so lange darunter gelitten hat. Sie ist ein Teil von einem. Eine Münze mit zwei Seiten. Einer guten und einer schlechten Seite. Die Kunst ist, der guten Seite den Weg ins Leben zu ermöglichen. Ihre Virginia

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