Blog: … und täglich grüsst das Angsttier

Meine Psychologin sitzt mir mit ernster Miene gegenüber in ihrem schwarzen Ledersessel, bewaffnet mit Stift und Papier. Sie hat natürlich bereits beim ersten Blickkontakt bemerkt, dass etwas im Argen ist. Kein Wunder – bei den verweinten Augen!

„Was ist passiert?“, fragt sie mich, direkt und ohne Umschweife. Wenn ich das wüsste, sässe ich nicht hier, denke ich. „Ich weiss es nicht, ich verstehe die Welt nicht mehr. Jetzt habe ich endlich den Sprung ins „normale“ Leben geschafft, habe endlich nach drei Jahren IV Wiedereingliederung und RAV einen Job und dazu einen sehr zuvorkommenden Vorgesetzten, der mir jeden Tag immer wieder einschärft, Gesundheit sei das wichtigste im Leben! Ich meine, was will ich mehr? Und dann passiert DAS!“ Frau G. nickt mitfühlend und wartet darauf, dass ich das Erlebte weiter ausführe. Ich erzähle ihr, wie ich von der Arbeit völlig ausgelaugt nach Hause fahre und nicht mal mehr Lust habe, etwas fernzusehen. Dass ich nachts Albträume von Alien-Invasionen und von Insekten befallenen Wohnungen habe. Dass ich in der ersten Woche, bei einem vertraglich vereinbarten Pensum von 70% bereits bei 95% angelangt bin. Und dass ich heute einen Zusammenbruch erlitten habe. Ich erkläre ihr, dass ich nicht verstünde, warum dies passiert und vor allem, WAS eigentlich genau passiert ist. „Ich habe diffuse Gefühle, Frau G., ich weiss nicht wo das Problem liegt. Ich bin ja arbeitsfähig, ich habe sogar anerkennende Worte von meinem Vorgesetzten bekommen, dass ich nahezu perfekt gearbeitet hätte in der ersten Woche.“

Frau G.‘s Gesichtsausdruck, den ich erhasche, spiegelt ihre Irritation wider. Ich bin froh, dass nicht nur ich Bahnhof verstehe. Ich weine vor mich hin und Frau G. reicht mir ein Taschentuch. Pietätvoll wartet sie ab, bis ich mich etwas beruhigt habe. Ich entschuldige mich bei ihr für meinen Ausbruch. „Sie müssen sich nicht entschuldigen, lassen Sie es raus!“ Dankbar schniefe ich in das dargereichte Kleenex. Ich erzähle ihr auf ihren Wunsch hin etwas ausführlicher von meinen Gefühlen, aber es gelingt mir dabei nicht, die Ursache für meinen Zusammenbruch zu lokalisieren. Nach 45 Minuten steht für Frau G. fest, dass etwas meinen Freiraum wieder verkleinert zu haben scheint. „Jetzt wird‘s wieder eng und es scheint, dass die Fremdbestimmung so gross geworden ist, dass Sie jetzt mit diesem Zusammenbruch zu kämpfen haben.“ Das macht Sinn. Ich erinnere mich wieder an mein Angstmuster und dessen Auslöser. Frau G. geht zum Whiteboard und zeichnet ein Strichmännchen. Um das Strichmännchen zieht sie einen sehr engen Kreis. Mir wird schlecht. Die bildliche Darstellung meines Gefühlszustands erzeugt bei mir Schnappatmung. Frau G. nimmt einen tiefen, theatralisch anmutenden Atemzug. Ich mache es ihr nach. Ich bin froh, als Frau G. mir vorschlägt, mich aus diesem Zustand zu holen, indem sie mich für drei Tage krankschreibt. „Dann können Sie wieder zu sich kommen, ihre Gedanken sortieren und dann finden wir sicherlich auch die Antwort, was der Auslöser gewesen ist. Kommen Sie doch diese Woche noch einmal vorbei.“ Wir machen einen Termin aus und ich verabschiede mich von Frau G mit einem erleichterten Lächeln. Jetzt muss ich das nur noch meinem Vorgesetzten beibringen, dass ich die nächsten drei Tage nicht mehr im Büro aufkreuze. Beim Gedanken daran wird mir etwas flau im Magen. Insbesondere, weil ich mir gar nicht mehr vorstellen kann, überhaupt nochmal dort zu arbeiten. Aber heute, habe ich gelernt, ist der falsche Zeitpunkt, um mir darüber Gedanken zu machen.

Als mein Mann nach Hause kommt, weine ich ihm zuerst einmal das T-Shirt nass. Nach einer Minute wird es mir unwohl und ich fühle mich schuldig, weil ich weiss, er hatte einen anstrengenden Tag mit einer sehr weiten Heimreise und ich nehme ihn in Beschlag, kaum dass er einen Fuss über die Schwelle unserer Haustüre setzen konnte. Trotzdem nimmt er sich die Zeit und wir sprechen über meine Ängste und die diffusen Gefühle, aber auch über meinen Arbeitsalltag. „Also ich hätte auch Stress, wenn ich so arbeiten müsste wie du“, gibt er mir unmissverständlich zu verstehen, indem er den Satz auf sehr eindringliche Art und Weise betont, damit ich es auch wirklich aufnehme. Vielleicht aber auch, weil er sich darüber aufregt. Ich halte inne und bin wie vom Donner gerührt. Warum ist mir das nicht selber aufgefallen? Stimmt! Ich konnte mir nicht mal ein Glas Wasser tagsüber genehmigen, weil ich viel zu viele Aufgaben in der vorhandenen Zeit erledigen musste, geschweige denn kam ich dazu einmal eine Pause einzulegen. Der Freiraum wird in Sekundenschnelle grösser. „Oh mein Gott, kann das sein? Ist das vielleicht der Grund?“ Trotz der spontanen Erleichterung bleibt das Gefühl von Unsicherheit in meiner Magengegend bestehen. Aber ich weiss jetzt vielleicht, wo ich den Auslöser suchen muss. Vielleicht liegt es ja nicht einmal an mir und meiner Leistungsfähigkeit? Dieser Gedanke bringt mich erneut zum Weinen und mein Mann streicht mir mitfühlend eine Strähne aus dem Gesicht. Ich spüre wie eine Last von mir genommen wird. Ich weiss jetzt, worüber ich mit Frau G. beim nächsten Termin sprechen werde.

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Übergabe Schattenbericht an UNO Behindertenrechtskonvention (UNO-BRK)

09.10.2017 Benachteiligungen am Arbeitsplatz, kein Besuch der Regelschule oder keinen Zugang zu Online-Dienstleistungen, viele Menschen mit Behinderungen können kein selbstbestimmtes Leben führen. Dies zeigt der Schattenbericht zur UNO-BRK auf. Was ist der Schattenbericht?

Als Reaktion auf den Staatenbericht des Bundes vom Sommer 2016 erarbeitete Inclusion Handicap in enger Zusammenarbeit mit seinen 25 Mitgliederorganisationen den Schattenbericht, welcher am 29.08.17 offiziell dem zuständigen UNO-Komitee in Genf eingereicht wurde. Der Staatenbericht des Bundes wird als schönfärberisch beurteilt. So enthält er z.B. keine konkreten Anhaltspunkte dafür, wie die UNO-BRK umgesetzt wird und das mit Grund: In der Schweiz existiert immer noch keine nationale Behindertenpolitik, stattdessen sind die Hürden des Föderalismus bei der Überwachung der Umsetzung immer noch hoch. Von einer inklusiven Gesellschaft sind wir noch meilenweit entfernt!

Weitere Informationen zum Schattenbericht finden Sie bei AGILE.ch http://www.agile.ch/news&getDoc=2521

Regina Lohri

Liebe Vereinsmitglieder, liebe Leserinnen und Leser

Die Mitgliederversammlung der aphs hat mich am 13. Mai 2017 in den Vorstand gewählt. Ich möchte mich Ihnen deshalb gerne vorstellen: Ich heisse Regina Lohri, bin 57 Jahre alt, Single und wohne in Brig-Glis im Oberwallis. Ich habe 1981 in Visp mein Diplom als Krankenschwester AKP gemacht und anschliessend 11 Jahre in verschiedenen Spitälern in der Deutsch-Schweiz, mehrheitlich in der Region Zürich – gearbeitet. Am Züri See hat es mir immer sehr gut gefallen, ein See im Oberwallis, das wäre einfach nur super.

Einerseits aus gesundheitlichen Gründen, aber auch weil ich unbedingt noch einen neuen Beruf erlernen wollte, habe ich mich umgeschult. In der damaligen SKA (heutige Credit Suisse) habe ich mit 31 Jahren die riesige Chance erhalten, mich kaufmännisch weiterzubilden – obwohl ich kaum wusste, wie ein Couvert korrekt angeschrieben wurde. Auch einen Computer hatte ich bis dato noch nie gesehen. Nach 13 Jahren wechselte ich dann in ein grosses Spital in Bern, wo ich bis heute als Direktionsassistentin arbeite. Nach fast 25- jähriger Abwesenheit wohne ich heute wieder im Wallis.

Von Tür zu Tür bin ich rund 3 Stunden täglich unterwegs. Im Zug habe ich viel Zeit zum lesen. Bei der aphs bin ich seit vielen Jahren Mitglied und erhalte entsprechend das Patientenmagazin Angst & Panik. Irgendwo zwischen Spiez und Thun habe ich das Editorial der Broschüre Nr. 1/2016 von Pierrette Siegel gelesen. Pi – so wird sie von uns genannt – hat darin mitreissend und intensiv erzählt, wie unglaublich schwierig die Jahre 2015/16 für den Verein waren. Das 2016 nannte sie sogar das für die aphs schwärzeste Jahr seit der Gründung vor 16 Jahren, der Verein stand vor der Auflösung. Sie hat aber auch beschrieben, wie sie zusammen mit Melinda Ahmil mit enormem Engagement, unzähligen ehrenamtlichen Stunden und der Unterstützung von agile.ch den Verein weiterführen und weiterentwickeln will. Da hat es bei mir klick gemacht und ich habe kurz entschlossen im März 2017 erstmals an einer aphs-GV teilgenommen. Pi, Melinda, Nadine Schmutz und ich waren uns auf den ersten Blick sehr sympathisch.

Um uns besser kennenzulernen, habe ich bis zur ordentlichen GV vom 13. Mai 2017 auf Vorstandsebene mitgearbeitet. Wir haben sehr schnell gemerkt, dass ich den Verein vor allem im administrativen Bereich unterstützen kann. Als Direktionsassistentin kann ich viele Inputs einbringen und Themen übernehmen – und auf der anderen Seite enorm viel von meinen Vorstandskolleginnen über den Verein lernen. Nebst der Vorstandsarbeit beschäftige ich mich zur Zeit hauptsächlich mit der Aufarbeitung der Vereinsgeschichte. Ziel ist der Aufbau einer Informations- und Dokumentationsstelle. Dazu arbeite ich mich durch die Seiten des «alten» aphs-Internet-Auftritts. Es ist ganz unglaublich, welch einen Schatz an Informationen der frühere Vorstand und der Webmaster dort den Vereinsmitgliedern zur Verfügung gestellt hat. Dieses Wissen darf keinesfalls verloren gehen. Ich speichere jede Seite und jeden Link als PDF Datei ab. Seit einigen Tagen arbeite ich mich durch die News-Ticker von 2002 bis 2015. Es handelt sich um rund 195 Newsmeldungen – die Themen sind dabei breit gefächert: Informationen zu den verschiedenen Angsterkrankungen und deren Therapiemöglichkeiten, zu Selbsthilfegruppen, spezialisierten Aerztinnen und Aerzten bis hin zu Büchern und Ratgebern. Interviews, Filmdokumentationen, Artikel in Printmedien etc. – alles wurde sorgfältig dokumentiert und hinterlegt. Wir werden im Vorstand entscheiden, welche noch immer relevanten und interessanten Themen wir auf die neue Webseite übernehmen und Ihnen wieder zugänglich machen wollen.

Eine neue Freundin von mir leidet an einer sehr schweren Angsterkrankung. Alleine kann sie ihre Wohnung nur in einem sehr engen Rahmen verlassen. Und dies auch nur in ihrem Auto. Sie kann weder Bus noch Zug fahren oder alleine einkaufen oder spazieren gehen. Sie hat den Verein aphs nicht gekannt. Als ich ihr Informationsmaterial der aphs abgegeben habe, hatte sie Tränen in den Augen. Sie konnte kaum glauben, dass es so vielen Menschen gleich oder ähnlich geht wie ihr. Für sie und alle anderen Angstbetroffenen und deren Angehörigen mache ich bei der aphs mit.

Herzliche Grüsse
Regina Lohri

Blog: Nur keine Panik!

Nur keine Panik! Wie oft hört man diesen Satz, ausgesprochen von Menschen, die sich nicht einmal im Ansatz bewusst sind, was sie da gerade gesagt haben. Das hat mich lange Zeit immer wieder erzürnt. Ich fand es ungerecht und war der Überzeugung, dass, wenn man nicht weiss, worüber man spricht, man auch keine Berechtigung hat, solch eine Formulierung zu nutzen. Aber so sind wir Menschen nun mal. Auch ich benutze viele Redewendungen, von denen ich keine Ahnung habe. Aber so ist es im Leben. Und eines Tages lernt man, damit seinen Frieden zu machen. Als Angst- und Panikpatientin mit einer diagnostizierten Agoraphobie mit Panikstörung, was so viel bedeutet wie dass ich Angst vor allem habe, was ausserhalb meiner Kontrolle liegt, kenne ich Angst und Panik aus dem Effeff. Ich habe quasi den tiefschwarzen Gürtel im Angst und Panik Gedankenjudo. Wenn es Kurse dafür gäbe, müsste man wahrscheinlich noch einige Gürtel obenauf packen, weil man durch diese Krankheit Dimensionen kennen lernt, die sich ein gesunder Mensch gar nicht vorstellen kann.

Komm reiss dich zusammen! Wie ich solche und andere beschwichtigende Sätze liebe. Das ist so als ob man sagen würde: „Du hast die Spaghetti verkocht! Komm, wir fangen nochmal von vorne an!“ Aber so einfach ist das nicht. Man sagt ja auch nicht zu einem Menschen im Rollstuhl: „Komm, reiss dich zusammen, steh auf und geh!“ Aber es ist schwierig, ich verstehe das. Wie soll man jemandem, der nicht weiss, was Angst und Panik bedeuten, nur im geringsten Ansatz aufzeigen, was es aus deinem Leben macht. Jeder beschreibt seine Angst anders. Ich habe immer gesagt: „Ich komme nicht mehr in die Hölle, ich bin ja schon hier.“ Und ich glaube, da werden mir sehr viele Betroffene beipflichten. Wir sind schon so viele Male „gestorben“, dass man uns eigentlich als Wiedergänger titulieren müsste. Das Wort „Zombie“ würde ich jetzt ungern in den Mund nehmen, aber ja, doch! Es könnte sogar ein Zombie sein. Denn was ist man am Schluss, wenn man von Angst getrieben durch den Alltag torkelt und sich im Überlebensmodus, getarnt als normaler Mensch mit angeblich normal regulierten Gefühlen, durch das Leben schleppt? Immer darauf bedacht, ja nicht aufzufallen. Wenn man versucht, etwas vor seinen Mitmenschen zu verstecken, von dem man vielleicht selbst nicht mal weiss, dass es eine Krankheit ist. Denn nicht alle wissen, woran sie leiden. Das ist auch mir so ergangen.

Ich war 16 Jahre alt, als mich die erste Panikattacke im Zug nach Aarau ereilte. Ich war überfordert, verstand nicht, was mit mir los war. Ich wusste in diesem Moment nur eines: Ich muss raus aus diesem Zug oder ich ersticke qualvoll. Nach dieser ersten Begegnung mit der Panik nahm das Martyrium seinen Lauf. Die Ängste wurden grösser, suchten sich neue Spielfelder. Als ob es nicht schon genug gewesen wäre, einfach eine einzige Panikattacke zu erleben. Man kann sie nicht einfach abschütteln, als wäre es eine lästige Fliege, die einem um den Kopf schwirrt. Wie schön wäre es, wenn man einfach einmal beherzt zuschlagen könnte und weg wäre die Angst! Leider war 1994 auch nicht jeder Hausarzt so weit über diese Krankheit informiert, dass er gewusst hätte, was eigentlich mit mir los war. „Das geht wieder vorbei. Hier haben Sie eine Packung Beruhigungsmittel. Das wird ihnen helfen.“ Und Tschüss! Zuhause habe ich die Pillenpackung begutachtet und dachte: „Ich kann die nicht schlucken, das geht einfach nicht! Ich darf die Kontrolle nicht verlieren. Was passiert mit mir, in was für einen Zustand komme ich, wenn ich diese Pillen schlucke? Werde ich mich anders fühlen?“ Bilder von psychiatrischen Anstalten à la Hollywood tauchten vor meinem geistigen Auge auf. Ich sah mich bewegungsunfähig auf einem Stuhl ins Leere starren, benommen von Medikamenten. Ich beschloss, die Tabletten nicht einzunehmen. Und weil ich es nicht besser wusste, habe ich meine nächsten zwanzig Lebensjahre Hand in Hand mit Frau Angst und Herrn Panik verbracht.

Das hat natürlich überhaupt nicht funktioniert. Aber irgendwie habe ich es über die Jahre hinweg hinbekommen, einigermassen ein Leben zu führen, das um die Angst und die Panik arrangiert war. So fuhr ich z.B. nur noch mit jenen Wagons, deren Fenster man zur Hälfte öffnen konnte. Heute gibt es solche Wagons nicht einmal mehr. Aber damals gab es sie noch und ich war froh drum. Ich hatte aber auch Angst im Schulzimmer. Kaum dass der Lehrer ins Zimmer spaziert kam und die Türe schloss, schoss der Adrenalinspiegel rasant in die Höhe. „Ich kann jetzt nicht mehr raus. Ich kann ja nicht einfach aufstehen und rausrennen. Ist die Tür jetzt etwa sogar abgesperrt?“ Weitere 45 Minuten, die ich in der Gedankenhölle der Angst verbrachte.

Zwanzig Jahre später war es soweit, dass gar nichts mehr ging. Aufgrund einer Fusion an meinem Arbeitsplatz war ich so überlastet mit Arbeit, dass ich sogar noch Samstag und Sonntag hätte arbeiten können. Dies führte dazu, dass ich so überfordert war, dass wieder sehr starke Symptome auftraten. Dies führte dazu, dass ich am Morgen des 26. September 2013 nicht mehr das Gebäude der Firma betreten konnte. Beim Anblick der Eingangstüre musste ich mir eingestehen, dass ich es nicht mehr durch die Türe hindurch schaffen würde.

Was würde heute wieder auf mich warten am Arbeitsplatz? Der Arbeitsalltag war so unberechenbar geworden. Jeden Tag kamen neue Prozesse hinzu, neue Software, in die man sich einarbeiten musste, dafür jedoch keine Zeit fand. Der Unmut in der Firma war sehr gross. Alle waren unzufrieden und machten ihren Emotionen Luft. Als Mensch, der sich ziemlich schlecht abgrenzen kann, wurde es für mich so problematisch, dass ich nicht mehr wusste, wo meine Emotionen enden und die der anderen beginnen. Wenn man 28 Personen zuarbeitet, wird es schwierig, bei sich selbst zu bleiben. Das weiss ich heute. Und so bin ich im Nachhinein sehr froh, dass es mich dazumal an den Punkt brachte, wo nichts mehr ging. Ich war so gezwungen, mich für eine Therapie anzumelden, kam in die Frühintegration der IV und konnte eine psychiatrische Behandlung in Anspruch nehmen, inklusive Medikamente und Einzelgesprächen.

Die Suche nach einem Psychologen, der zu mir passt, ist allerdings eine Story für sich, die einen eigenen Beitrag wert wäre. Aber ich habe es nach einigen Anläufen geschafft, eine sehr gute Therapeutin zu bekommen. Mit ihrer Hilfe habe ich es geschafft, alles aufzuarbeiten, was ich seit der Jugend mit mir rumtrage. Wir konnten destruktive Muster eruieren und neue Muster erarbeiten. Heute ist die Angst nur noch ein Warnsignal, das mich darauf aufmerksam machen möchte, dass ich wieder einmal im Begriff bin, etwas zu tun, das ich entweder nicht möchte oder das mich überfordert. Ich bin auch heute noch in Behandlung und ich bin sicher, dass ich auch weiterhin psychologische Hilfe in Anspruch nehmen werde. Denn die Angst ist nicht etwas, was man so einfach zur Seite legt, wenn man so lange darunter gelitten hat. Sie ist ein Teil von einem. Eine Münze mit zwei Seiten. Einer guten und einer schlechten Seite. Die Kunst ist, der guten Seite den Weg ins Leben zu ermöglichen. Ihre Virginia

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Ich war noch niemals in New York …

Den untenstehenden Text habe ich für unsere Quartierzeitung verfasst, die in über 2000 Haushalte verteilt wird. Natürlich hat mich die Veröffentlichung einigen Mut gekostet, doch hinterher kann ich ganz klar sagen: Es hat sich gelohnt, offen zu meiner Angstkrankheit zu stehen! Die Reaktionen von wildfremden Menschen aus dem Quartier waren so verständnisvoll und liebenswürdig, dass ich immer wieder erstaunt und berührt war. Dass ich über vier Jahre lang meine Wohnung nicht verlassen habe, nicht einmal, um den Kehricht an den Strassenrand zu stellen, wäre eine andere Geschichte, die aber in diesem Text nicht thematisiert ist …

Wenn man sich lange Zeit immer nur ein paar hundert Meter von zu Hause wegbewegt, wird die Welt klein wie ein Stecknadelkopf. Doch auf einem Stecknadelkopf hat die ganze Welt Platz.

Viereinhalb Jahre verliess ich die Wohnung nicht mehr. Die Angst vor diesen plötzlichen, von aussen nicht sichtbaren Panikattacken, die mich seit vielen Jahren draussen überfallen, war übermächtig geworden. Und ich hoffte, durch tägliches stundenlanges Meditieren frei davon zu werden. Alltagseinkäufe besorgten meine beiden «eingeweihten» Freunde, ich selbst erledigte alles Mögliche per Telefon und Internet, und Unvorhersehbares durfte einfach gar nicht passieren.

Ab Anfang 2013 überfielen mich die Panikattacken plötzlich auch in meinen vier Wänden. Dies zwang mich, meinen Schutzraum fluchtartig zu verlassen und die so gefürchtete Aussenwelt zu betreten. Ich hielt es nun in der Wohnung nicht mehr aus. So gab es keinen Ort mehr, wo ich mich ruhig fühlte.

Erstmals sah ich Asphalt vor mir auf dem Boden statt Parkett, ging in Schuhen statt in Filzpantoffeln, sah, was oben an der Dorfstrasse alles entstanden war, wovon bisher immer nur das Brummen der Baumaschinen zu mir gedrungen war, wurde vom Regen nass und vom Wind zerzaust. Fasziniert studierte ich die Schaufenster «unserer» Geschäfte, bis ich sie auswendig kannte.

Eines Tages, zur menschenleeren Mittagszeit, ein Höhepunkt: erstmals im «Spar» einkaufen, ein einziges Produkt, ein Bio-Gewürzsalz, für das man das Ladeninnere nicht einmal ganz betreten muss. Ich war dabei mindestens so nervös wie früher als Cellistin vor Konzerten.

Nach diesem Einkauf war ich so aufgewühlt, dass ich nicht anders konnte, als H., den ich nur vom Grüssen von meinem Sitzplatz aus kannte, überfallartig und unter Tränen mitzuteilen, ich sei soeben im «Spar» gewesen! Er reagierte ganz ruhig, freute sich für mich, obwohl für ihn ein solcher Einkauf bestimmt nicht der Rede wert ist, wünschte mir Mut, dranzubleiben, dann ging er seines Weges.

Im «Spar» drei, vier Artikel einzukaufen, ist für mich noch immer nichts Selbstverständliches. Doch die besondere Liebenswürdigkeit des «Spar»-Teams hilft mit, immer wieder einen Versuch zu wagen.

Sternförmig von der Bushaltestelle Sternmatt ausgehend, begann ich meine tagtäglichen Spaziergänge, nie weiter entfernt als in zehn Minuten Gehdistanz von zu Hause und folglich immer auf denselben Wegen. Somit begegnete ich von Anfang an auch immer wieder denselben Menschen. Die Pöstler waren die Ersten, dann die Frau vom Mahlzeitendienst, Hundespaziergängerinnen und -spaziergänger, die Mütter, die jeweils gegen Mittag liebevoll ihre Kinder abholen – allmählich grüssten wir uns alle wie alte Bekannte, bis heute meist namenlos. «Beim nächsten Mal kostet es dann was!», rufen mir manche zu, wenn sich unsere Wege an einem Tag zum x-ten Mal kreuzen. Weshalb ich dauernd auf denselben Wegen ziellos unterwegs bin, wusste niemand

Besorgt fragte mich kürzlich ein kleines Mädchen, das ich nur vom Sehen kenne: «Warum läufst du eigentlich immer herum? Hast du kein Zuhause?» – Ein wenig Recht hat es ja …

Der Weg aus der Angst hat mich so tief verunsichert, dass ich mich die meiste Zeit völlig schutzlos und bodenlos fühlte und oft nicht wusste, wie ich den Tag überstehen sollte. Dann gaben mir die Menschen, denen ich zufällig begegnete, ein wenig Halt, ob sie es wussten oder nicht.

Mehr als ein Mal kam es vor, dass ich in Panik verzweifelt das Haus verliess, zur Dorfstrasse hoch eilte, dort Maria vom «Bed & Breakfast» vor ihrem wunderschönen Holzhaus stehen sah und vor ihr sogleich in Tränen ausbrach. Jedes Mal nahm sie sich Zeit, auch wenn sie Gäste zu betreuen hatte, munterte mich auf, lud mich (vergeblich) auf einen Kaffee ins Haus, versuchte zu helfen, obwohl ihr meine Zustände gänzlich fremd waren.

Später war es der Wirt vom Restaurant Sternegg, der mir immer von Weitem zuwinkte und mir irgendwann zurief, wie es mir gehe. Auf der winterlich geräumten Terrasse erzählte ich ihm, warum ich immer «da draussen herumrenne». Auch er blieb nicht verschont von meinen Tränen … Doch er zeigte von Anfang an nur Verständnis. Immer wieder lädt er mich (vergeblich) in sein Lokal ein und vermittelt mir etwas von seiner natürlichen Lebensklugheit. Sobald seine Kochkünste verlangt werden, sind seine kurzen Pausen und unsere Gespräche jeweils beendet.

Mit Frau L. gehe ich fast täglich ein Wegstück; wir treffen uns, als wäre es vereinbart, wenn sie, von der Stadt her kommend, ihr Velo den Berg hochschiebt. Sie macht mir Mut und wirkt durch ihre Zuversicht und Verlässlichkeit beruhigend auf mich. Oft bin ich einfach nur froh, mit ihr ein wenig reden zu können und dabei zu spüren, dass auch sie unsere Gespräche schätzt.

So ergeben sich immer wieder Begegnungen mit Bekannten oder Unbekannten, mit vielen Katzen und Hunden, die mich alle auf ihre Weise unterstützen. Oder ich betrachte eine Weile den Pilatus und versuche, in mir etwas von seiner Unerschütterlichkeit zu erkennen.

Ein Klinikaufenthalt wäre «medizinisch» angezeigt gewesen. Da ich aber mein 21 Jahre altes Büsi, das mein Ein und Alles war, nicht alleine lassen wollte, kam ein solcher schon deshalb nicht in Frage. So wurde das Quartier quasi zur «Klinik Sternmatt». Ein schöner Name für eine Klinik, die auf keiner Spitalliste zu finden ist.

Nach der unfreiwilligen Klausur in der Wohnung kann ich mir keinen besseren Ort als das Sternmatt-Quartier mit seinen Bewohnern vorstellen, um Vertrauen zu entwickeln und zu erfahren, dass die «Gefahr» einzig in meinen Vorstellungen besteht.

Ich war noch niemals in New York. Doch ich sehe die Fülle und Vielfalt im Bekannten, Naheliegenden. Und vielleicht mache ich bis zum Frühling nach Jahren erstmals wieder eine Reise an den Schwanenplatz …

Karin Linsi
www.karinlinsi.ch
Karin Linsi: «Tasten auf dünnem Eis», 2006, ISBN 978-3-8334-6107-1

 

Jobs bei der aphs

WIR SUCHEN AUF BASIS DER FREIWILLIGENARBEIT NEUE MITARBEITER

RECHERCHE-ARBEITEN
Recherchieren Sie gerne im Internet?
Für diverse Rechercheaufträge suchen wir ein bis zwei Personen, welche uns für zukünftige Projekte oder die Aufarbeitung unserer Adressdatenbank unter die Arme greifen möchten. Wie viele Stunden Sie dafür einsetzen können/wollen, steht Ihnen frei.

POLITIK
Interessieren Sie sich für die Sozialpolitik in der Schweiz?
Damit wir sozialpolitisch immer auf dem Laufenden sind, suchen wir nach einer Person, welche uns in diesem Bereich laufend informiert, manchmal auch einen Bericht über Aktuelles schreibt, welchen wir für unser Magazin, Social Media oder Newsletter verwenden können.

FUNDRAISING
Kennen Sie sich aus mit Fundraising (Sponsoring/Spenden)? Trauen Sie sich zu, für die aphs tätig zu werden und auf verschiedenen Wegen Geld für unsere Organisation und unsere neuen Projekte zu generieren? Melden Sie sich bitte bei uns unter: aphs@aphs.ch

MITGLIEDERTREFFEN
Wir suchen eine oder zwei Personen (kann auch als Teamarbeit erledigt werden), welche 2 Mal im Jahr ein Mitgliedertreffen organisieren. Sie sind verantwortlich für Folgendes:

        • Finden und organisieren eines für Panikbetroffene geeigneten Treffpunktes (Grillstelle, Waldhütte, Ausflugspunkt etc)
        • Aufsetzen eines Einladungsbriefes für unsere Mitglieder
        • Einkaufen und Bereitstellen von allem, was es für die angemeldeten Teilnehmer braucht (von der Serviette über das Essen bis zum Dessert)
        • Aufräumen und den Ort sauber hinterlassen nach dem Event
        • Bitte melden Sie sich bei: aphs@aphs.ch

ANZEIGENVERKAUF
Für unser Magazin stehen neu eine geringe Anzahl Inserateplätze zur Verfügung.
Diese zu verkaufen ist Ihre neue Aufgabe. Interessiert? Melden Sie sich unter info@aphs.ch bei uns

«SCHREIBERLINGE»
Für unser Magazin
Wir freuen uns über Berichte über dein ganz persönliches Angsterlebnis, deine Gesundung oder ein humorvolles Erlebnis mit der Angst. Was auch immer du schreiben magst, schick uns deinen Text zu. Natürlich kann dein Name auch verfremdet werden.

Für unsere Buchrezensionen
Liest und schreibst du gerne? Wir suchen eine Person, der wir ein Buch zum Thema Angst zusenden, welches gelesen und dann in einer Zusammenfassung beschrieben werden soll, damit wir die Rezension im Magazin veröffentlichen können.

Für unser Magazin
Eine Person, welche gerne schreibt und für unser Angst & Panik-Magazin Texte recherchieren (z.T. nach Themenvorgabe des Vorstands) und verfassen kann.

Für unsere Social-Media-Accounts
Eine Person, die sich mit Facebook und Twitter auskennt und über die nötige Diplomatie verfügt, die Verantwortung für die beiden Plattformen zu übernehmen, sie mit Beiträgen zu pflegen und auf Anfragen zu antworten.

Melden Sie sich bei: info@aphs.ch

PROJEKTMITARBEITER ZAHNARZTVERMITTLUNG
Wir suchen Personen, welche gerne in der neuen Projektgruppe mitarbeiten möchten. Das Projekt wurde im Februar 2017 gestartet. Du hast so die Möglichkeit, von Anfang an beim Aufbau mitzuhelfen und es hat noch viel Platz um eigene Ideen einzubringen.

Inhalt der Projektarbeit (auf mehrere Personen verteilt):

  • Erstellen von Medienmitteilungen, Inseraten, Listen, Werbematerial, Flyer, Newsletter etc. (nur Texte; Grafik läuft intern)
  • Recherchearbeit im Internet
  • Kontaktaufnahme mit Zahnarztpraxen per Telefon oder E-Mail
  • Besuchen/Besichtigen von Zahnarztpraxen und Durchführen von Gesprächen vor Ort
  • Teilnahme an Projektsitzungen (auch über Skype möglich)

Jeder Mitarbeiter soll sich dort einbringen, wo seine Stärken und Fähigkeiten liegen. Nicht alle müssen alles machen oder können.

Sind Sie interessiert? Hier erfahren Sie mehr: info@aphs.ch

Melinda Ahmil

Ich bin 1977 geboren, verheiratet und Mutter von zwei kleinen Töchtern.

Vor 8 Jahren bin ich zum ersten Mal in meinem Leben mit dem Thema Angst und Panik konfrontiert worden. Nicht als Betroffene selbst, aber als Arbeitskollegin von Pierrette Siegel. Zu der damaligen neuen und etwas befremdlichen Job-Kollegin, die so einige Macken und Kanten hat und für mich anfänglich sehr schwer einzuordnen war, ist heute eine tiefe, treue, ehrliche, respekt- und wertvolle Freundschaft entstanden.

In dieser Zeit habe ich so einige Hochs und Tiefs von Pierrette miterlebt. Sie ist eine emotionale Persönlichkeit, die das Herz auf der Zunge trägt. Aus vielen langen, intensiven und ausführlichen Gesprächen habe ich durch Sie gelernt, erahnen zu können, was es heisst mit Angst- und Panikattacken sein Leben zu meistern. Ich glaube heute behaupten zu können, dass ein Satz oder ein Blick von Ihr mir genügt um zu wissen: „Sie trägt gerade einen Kampf mit Ihren Ängsten aus“.

Ich habe Pierrettes Kampf um den Erhalt der aphs im Jahr 2016 hautnah miterlebt und erkannt, dass es eine aphs auch in Zukunft für die Betroffenen dringend braucht. Aus diesem Grund habe ich mich als Vorstandsmitglied zur Verfügung gestellt und wurde für das Amt des Sekretärs gewählt. Zusätzlich wurde ich zur Entlastung des Präsidiums als Vize-Präsidentin gewählt.

Gerne helfe ich mit vielen Ideen und Elan aktiv mit, die neue aphs aufzubauen.

Melinda Ahmil